20. November, 2017 10:05

Mitte September hatte ich einen Zusammenbruch: Nach einer Meditation konnte ich nicht aufhören zu weinen. Ich bin kein Mensch, der schnell weint, eher umgekehrt. Wochenlang habe ich entweder geweint oder hatte keine Kraft etwas zu machen. Depressive Phase nennen es die Ärzte, wenn man seinen Hintern nicht hoch kriegt, um etwas zu machen. Der Grund für meinen Zusammenbruch waren Bilder aus meiner Kindheit, die ich sehr gut verdrängt habe.
Die Diagnose PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) gibt es vom Doc nicht so schnell, denn sie ist was für traumatisierte Soldaten und Vergewaltigungsopfer. Die Mediziner streiten sich immer noch, was man als Traumatisierung einstufen darf und was nicht. Hauptsächlich weil man dann eigentlich zugeben müsste, dass 80-90 % der Bevölkerung ein Trauma erlebt haben und dementsprechend arbeitsunfähig sind.
Wobei man hier ein Fremdwort nutzen muss. Resilenz = die Fähigkeit mit Stress umzugehen. Sie ist bei manchen höher bei manchen niedriger. So kann es für ein Kind ein Trauma sein, wenn man ihm einen Zahn zieht und bei einem anderen Kind entsteht selbst dann kein Trauma, wenn die Mutter stirbt. Die Umgebung spielt auch eine große Rolle.

Da ich ein analytischer Typ bin, muss ich es verstehen, damit ich mit etwas umgehen kann. So habe ich mich auf die Suche nach Informationen begeben und erfahren, dass das, was früher manisch-depressiv war, nun bipolare Störung genannt wird. Ein Wechsel zwischen extremer Euphorie (mit vielen Plänen und einer Unmenge an Energie) und Tiefphasen. In manischen Phasen sind neben extrem angehobener Laune (Euphorie) auch teilweise Größenwahn und Halluzinationen vertreten. Es gibt Menschen, die haben nur manische Phasen und es gibt Mesnchen, die haben nur depressive Phasen. Daher zweifele derzeit sehr stark an Geistheilung. Halluzinationen sind ja nicht nur Bilder, die man sieht, sondern auch Wahrnehmungen.
Ich habe mich gut belesen, was Psychosen angeht. Man kann es als eine Art Störung des Stoffwechsels sehen, bei dem körpereigene Opiate und Halluzinogene im Blut en masse vorhanden sind. Und das Wichtigste: Ein Halluzinierender wird NIE im Leben verstehen, dass es nur seine Wahrnehmung ist. Er wird viel eher versuchen die anderen davon zu überzeugen.
Ich meine, es ist schwierig jemanden zu überzeugen, dass da weiße Mäuse über den Boden wuseln, aber was Wahrnehmung angeht, so hat man da ein recht einfaches Spiel. Es gibt Menschen, die sind leicht beeinflussbar, higher suggestibility nennt man das im Englischen.
Ein bipolarer Mensch kann in seiner Hochphase einen Gulli-Deckel wie ein Frisbee werfen. Ich habe mal einen alten normal großen Gasherd mit echten Steinen drin eine ewig weite Treppe runter in den Keller getragen. Allein! Wenn man Menschen in diesem Zustand sagt: „Spüre in deine Handflächen, fühlst du da etwas?“, dann nehmen sie auf jeden Fall was wahr. Es ist Einbildung. UND man kann diese Einbildung auf andere übertragen, vor allem, wenn es Phantomschmerzen oder psychosomatische Beschwerden sind.
Ich sage nicht, jeder, der zum Geistheiler geht ist irgendwie leicht zu überzeugen oder psychisch unstabil (auch wenn der Psychiater sagen würde: Die Mehrheit ist es wohl), aber wenn man sich mit Traumatisierungen beschäftigt hat, dann weiß man wie anders der Hormonhaushalt bei Trauma-Patienten ist und wie unerforscht unsere Psyche bzw. unser Gehirn eigentlich noch ist.
Ich für mich habe die Erkenntnis gewonnen, dass es für mein Ego viel angenehmer ist, zu glauben, ich wäre besonders begabt oder was auch immer, als dass ich mir eingestehe, dass ich eine psychische Strörung habe. Wer will schon den Stempel „defekt“ auf sich spüren?
Ich finde meinen Weg bis hierher schön, ich finde diese Erfahrungen wertvoll und berauschend. Und ich will ich keine Geistheilung mehr anbieten. Menschen erfahren Heilung nach so einer Behandlung – unumstritten. Ja, die Menschen gingen nach meinen Sessions mit einem Lächeln und mit weniger Beschwerden bzw. mit einem besseren Verständnis ihres Problems nach Hause. War es aber wegen des Kontakts mit höheren Wesen oder wegen unbewusster Hypnose? Und solange ich zweifele, ob meine Wahrnehmung ein Effekt einer manischen Phase ist oder wirklich eine Gabe ist, solange werde ich die Finger davon lassen.
Ich habe ein Buch von einem Psychiater gelesen, der aus dem Alltag der Schwerkranken erzählt. Da war z. B. eine Frau, die in ihrer psychischen Störung meinte, sie wäre vergewaltigt worden. Nachweislich war sie zu dem genannten Zeitpunkt aber in der Klinik in Einzelunterbringung und hatte keinen Besuch, der es getan haben soll. Sie hat gesagt, der Vergewaltiger habe ihr Nadeln in die Scheide eingeführt und diese Nadeln sind nun im ganzen Körper verteilt. Sie pieksen und stechen sie. Die Schmerzen sind echt, sie hat sie wirklich, aber es sind keine Nadeln da, nachweislich. Wenn ein Heiler nun hergeht und ihr die Nadeln mittels Aurachirurgie entfernt, dann gehen die Schmerzen weg.
Wenn diese Frau jedoch vorher nicht beim Psychiater war und die Vergewaltigung sagen wir mal im früheren Leben war (und die Information über diese Nadeln noch in der Aura ist, so würde es der Geistheiler sehen), dann wird sie felsenfest davon überzeugt sein, dass der Heiler ihr geholfen hat, indem er ihr die Nadeln entfernt hat. Dabei geht es nur um die Psyche. Die Frau denkt, die Nadeln sind weg und die Schmerzen gehen. Es ist das gleiche Phänomen, wenn amputierte Gliedmaßen weh tun, es sind Phantomschmerzen.
Es gibt Menschen, die sind leichter zu beeinflussen. Und wenn ich Geistheilung mit diesem ganzen Hintergrundwissen mach, dann hab ich kein gutes Gefühl dabei. Ich will Menschen nichts suggerieren. Als ich die Informationen über die psychischen Störungen noch nicht hatte, da konnte ich im Glauben verweilen, ich heile. Nun fällt es mir schwer daran zu glauben und für mich wäre es Betrug mit diesem ganzen Hintergrund an Wissen. Für mich persönlich. Ich sage nicht, es ist Betrug. Ich kann es nicht mehr machen, weil ich das Gefühl habe, ich würde betrügen.
Und gleichzeitig habe ich kein Problem mit Menschen, die daran glauben. Es ist für mich in Ordnung. Ich habe vielleicht nur eine andere Sichtweise auf das Ganze. Es gibt Geistheilung, Schamanen, Engel, Heilung durch Gebet – es gibt alles, woran der Mensch glaubt und das ist gut so. Es gibt ja auch den Placebo und er hilft auch. In diesem Sinne: Wer heilt, hat Recht.
Ich wollte nur meine 180-Grad-Wende erklären, damit die Menschen, die mich gut kennen und mir nahe stehen, mich besser verstehen. Ich möchte keinen vor den Kopf stoßen, zu keinem, der in dieser Branche tätig ist den Kontakt abbrechen oder ihn irgendwie verletzen. Ich bin für Vielfalt. Es gibt Menschen, die glauben an Allah und es gibt Menschen, die glauben an Jesus. Solange dieser Mensch kein Problem damit hat, dass ich einen anderen Glauben habe, finde ich diesen Menschen liebenswürdig und wunderbar. Stichwort Toleranz.
Ich sage nicht: Du, Geistheiler / Schamane / Kinesiologe bist ein Scharlatan. Nein. ich sage nur: Ich für mich habe begriffen: Ich bin krank. Und ich will keinen von etwas überzeugen. Manchmal stehe ich im Leben an einer Kreuzung und an dieser entscheide ich mich für diesen Weg. Ich sage nicht, dass es das alles nicht alles gibt, nur kann ich nicht mehr daran glauben.


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